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 Winterkorn und Spohr akustisch

Inhaltich (fast) alles richtig - und trotzdem (fast) alles falsch gemacht. Der Vergleich der Videoauftritte zweier CEOs in Krisenzeiten zeigt, wie wichtig nonverbale Details sind. Jenseits (oder diesseits?) des Inhalts entscheidet die Akustik, also Stimme und Klang der Sprache, mit darüber, wie das Publikum eine Ansprache wahrnimmt.

Es geht schon bei der Anrede los: Wer es nicht schafft, „Meine Damen und Herren“ in einem Zug auszusprechen, der wirkt unkonzentriert und kurzatmig. Geht dabei auch noch der Blick nach oben, wie das schon im letzten Blog zu diesem Thema angemerkt wurde, verfehlt sein Publikum gleich im ersten Satz.

Es geht weiter mit dem ersten Satz. Wir sehen vorläufig vom Inhalt ab, denn der ist Gegenstand des nächsten Blogs und betrachten nur die Aussprache des Satzendes. Das letzte Wort ist verhaucht. Eins ist sicher: Diese Sprechweise macht das Mitkommen und Verstehen unnötig schwer. So spricht einer, der nicht hinter seinem Text steht, jedenfalls nicht hinter dem Stil des Textes. Das liegt hier daran, dass der Stil ein Schreibstil ist, der keine Emotion des Sprechers transportiert.

Im dritten Satz wird es noch ärger: Hier stehen die wichtigen Wörter am Satzende, werden aber auch wieder verhalten statt mit Nachdruck ausgesprochen. So verpasst man die Gelegenheit, eine starke Aussage zu machen. Das bleibt so. Nehmen wir den übernächsten Satz. Auch hier stehen wieder die wichtigsten Wörter am Satzende, auch hier sind sie wieder deutlich leiser gesprochen als der Rest des Satzes, auch hier geht Bedeutung verloren.

Jetzt kommt aber erst der wichtigste Teil der Ansprache, der emotionale Appell. Der Ton hebt sich in keiner Weise vom Rest der Ansprache ab, obwohl er doch Leidenschaft vermitteln soll. Ähnlich unverbindlich klingt die Bitte um Vertrauen. Müde ist auch die Rede an die Mitarbeiter. Nirgendwo spürt man Nachdruck, auch hier nicht, und auch der letzte Satz ist geleiert.

Ganz anders das andere Video. Hier ist die Stimme von Anfang an kraftvoll. Es werden die richtigen Wörter betont. Die Stimme ist bis zum Satzende kräftig. Wichtige Wendungen werden freigestellt, das heißt, der Sprecher trennt sie durch eine Pause vom Vorangegangenen (Ton 13: „Safety is our top priority“). Der letzte Satz ist so kraftvoll wie der erste, die emotionale Präsenz sorgt dafür, dass der Sprecher uns berührt. Dabei spricht er Englisch, also eine Fremdsprache, und hat es darum besonders schwer, Emotionen zu transportieren. Aber weil er frei spricht, gelingt das doch. Vielleicht fasst er sich deshalb relativ kurz: Seine Ansprache ist fast eine Minute kürzer als die andere. Das Ergebnis gibt ihm auf jeden Fall recht.